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Chiara Lubich: Gründerin und Präsidentin
WORUM ES IHR GING

„Die ersten Ideen stammen aus der Zeit des Zweiten Weltkrieges, als wir in Trient den Bombenhagel erlebten“, erzählt Chiara Lubich. „Wir öffneten das kleine Evangelium, das wir in den Luftschutzbunker mitgenommen hatten, nach dem Zufallsprinzip und trafen auf die Stelle des Testamentes Jesu: „Alle sollen eins sein: Wie du, Vater, in mir bist und ich in dir bin.“ Diese Worte waren uns bisher so gut wie unbekannt gewesen. Nun leuchteten sie vor uns auf wie Sterne. Wir spürten, dass wir dafür geboren waren! Etwas Großes würde entstehen, etwas Universales, das bis an die Grenzen der Erde reichen sollte. Es würde die Welt der Kunst erhellen, die Wissenschaften, die Politik und die Wirtschaft. Wir waren uns sicher, dass Gott aus unserem Leben ein göttliches Abenteuer machen wollte, zu dem wir uns Moment für Moment freiwillig entscheiden konnten.“

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„Alle sollen eins sein: Wie du, Vater, in mir bist und ich in dir bin.“ Diese Worte prägten sich tief ein. Darin sah Chiara Lubich ihr Charisma. Sie las und lebte das Evangelium aus dem Blickwinkel der Einheit heraus. „Wie dachten zunächst, dass wir einfach nur das Evangelium leben würden. Aber der Heilige Geist erhellte uns nach und nach einige Punkte, die zu einer neuen Spiritualität führten: zur Spiritualität der Einheit.

Diese Spiritualität der Liebe erwies sich als universal.
Denn Liebe und Einheit, die im Zentrum der Spiritualität stehen, haben mit jedem Menschen zu tun. Ein neuer Lebensstil, den Menschen jeden Alters, jeder sozialen Kategorie, jeder Kultur und jeder Glaubensüberzeugung leben können, auch Priester und Ordenschristen. Er bildet die Grundlage für eine nun weltweit verbreitete Bewegung der geistlichen und gesellschaftlichen Erneuerung. Chiara Lubich war zeitlebens Präsidentin dieser Fokolar-Bewegung.


WIE ALLES BEGANN


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Chiara Lubich ist am 22. Januar 1920 in Trient,
in Oberitalien, geboren. Sie kam aus einfachen Verhältnissen. Ihr Vater war Drucker. Die Familie erlebte aufgrund der wirtschaftlichen Lage Jahre der Entbehrung. Chiara Lubich gab Privatunterricht, um sich das Studium zu finanzieren. Von der Mutter übernahm sie eine starke christliche Prägung, vom Vater, Sozialist, eine hohe Sensibilität für soziale Gerechtigkeit. Mit 18 Jahren arbeitete sich schon als Grundschullehrerin. Immer auf der Suche nach Wahrheit und nach Gott, schrieb sie sich an der Fakultät für Philosophie in Venedig ein. Der Ausbruch des Zweiten Weltkrieges durchkreuzte dann ihre Pläne. Sie intuierte, dass Jesus, der von sich sagte, er sei die Wahrheit und das Leben, ihr Lehrer sein würde.
Mit 19 Jahren zeichneten sich die ersten Anzeichen ihres geistlichen Weges ab. In Loreto, einem Wallfahrtsort, wo der Tradition nach das Haus von Nazareth verehrt wird, hatte sie die innere Erkenntnis, dass sich ein neuer Weg in der Kirche auftun wird. Er würde mit dem Leben der Bewohner dieses Hauses, mit Jesus, Maria und Josef zu tun haben und viele würden ihn gehen. Heute gibt es in 182 Ländern kommunitäre Lebensformen der Fokolar-Bewegung mit verheirateten und unverheirateten Mitgliedern.

Der Zweite Weltkrieg verschonte auch Trient nicht. 1943 war der Bombenalarm besonders häufig. In einer von Leid und Grausamkeit gezeichneten Atmosphäre machte Chiara Lubich die „umwerfende Entdeckung, dass Gott Liebe ist“. Sie begreift, dass Gott das Einzige im Leben ist, das keine Bombe vernichten kann und wählt ihn zum Ideal ihrer Existenz. Am 7. Dezember 1943 schenkt sie ihm ihr Leben. Sie legte ihren Taufnamen Silvia ab und wählte stattdessen Chiara, inspiriert von der Radikalität der Chiara von Assisi.

Die Stunden im Luftschutzkeller verbrachte sie mit ihren Freundinnen. Sie lasen im einzigen Buch, das sie mitgenommen hatten, im Evangelium. Sätze, die ihnen eigentlich vertraut waren, klangen plötzlich ganz neu. Sie verstanden, dass es Worte sind, die ins Leben gehören, die in Taten umgesetzt werden müssen. In den Trümmern des Krieges wird ihnen das Wort Gottes zum Ansporn, sich um die Armen in Trient zu kümmern. In der Lösung des sozialen Problems von Trient sahen sie ihre primäre Aufgabe.

Ein Wort Jesu sprach sie besonders an. Er bezeichnet es als „neu“ und als „sein“ Gebot: Liebt einander, wie ich euch geliebt habe. Sie erahnten, dass darin ein Schlüssel liegt, damit die zerrissene Menschheit wieder zu Versöhnung und Verständigung finden kann. „Wir legten alles zusammen: die materiellen Dinge, unser Geld, öffneten unsere Häuser. Das Leben erfuhr einen Qualitätssprung. Wir spürten Freude, Frieden, Kraft, die Gaben des Heiligen Geistes, der dort zugegen ist, wo sich Menschen im Namen Jesu zusammenfinden,“ so Chiara Lubich. „Er, der Auferstandene, macht aus vielen ein Leib. Er kann Bitterkeit vertreiben, Barrieren und Konflikte ausräumen. In einer vom Materialismus geprägten Zeit, in der man nur dem glaubt, was man anfassen kann, hat Gott eine Spiritualität erweckt, die quasi das Göttliche handgreiflich macht.“


WER IST IM SPIEL


Ganz ungeplant, dem Leben folgend, kam es zu Begegnungen und Kontakte auf verschiedenen Ebenen. Chiara Lubich folgte ihrer Intuition und ging entschlossen den Weg des ehrlichen Dialogs auf der Grundlage ihrer Beheimatung in Gott.

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Der ökumenische Dialog der Fokolar-Bewegung begann mit einer Gruppe von evangelischen Christen in Deutschland, in dem Land, in dem die Trennung der Kirchen ihren Anfang genommen hat. 1961 berichtete Chiara Lubich einer Gruppe von Pastoren von ihrer Erfahrung mit dem gelebten Wort Gottes. Der Dialog weitete sich über viele persönlichen Kontakte und über Begegnungen in London, Deutschland, Istanbul u. a. aus. Kirchenführer der verschiedenen Kirchen unterstützten ausdrücklich die Verbreitung der Spiritualität in ihren Kreisen.

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Der interreligiöse Dialog
ist heute, in einem gesellschaftlichen Kontext, in dem die Verschiedenheit der Kulturen als Gefahrenpotenzial wahrgenommen wird, ein Kompetenzfeld der Fokolar-Bewegung. Chiara Lubich war die erste Christin, die 1981 vor 10.000 Buddhisten in Tokyo ihre im Evangelium begründete Erfahrung vortrug. 1997 sprach sie in Thailand vor Mönchen und Nonnen auf Einladung der geistlichen buddhistischen Führer. Im selben Jahr ergriff sie in der historischen nach Malcolm X benannten Moschee in Harlem (New York) vor 3000 afroamerikanischen Muslimen das Wort. Im Jahr 2000 kam es zu einer muslimisch-christlichen Begegnung in Washington mit 5000 Teilnehmern. Der Dialog entwickelte sich in weiteren Ländern mit Juden, Hindu, Taoisten, Sikhs, Animisten u.a. Mehr als 30.000 Gläubige verschiedener Religionen teilen auf unterschiedliche Weise den Geist der Fokolar-Bewegung.

Der Dialog mit Menschen verschiedener Weltanschauung
begann in den 60er Jahren, als sich die Fokolar-Bewegung in Ost-Europa hinter dem Eisernen Vorhang auszubreiten begann. Chiara Lubich bereiste vor der Wende Ungarn und war neun Mal in Ost-Berlin zu Besuch gewesen. Menschen ohne religiösen Bezüge und der unterschiedlichsten Ideologien fühlen sich angezogen vom Geist der Einheit. Circa 70.000 bezeichnen sich weltweit als der Fokolar-Bewegung zugehörig.


WIE WIRKT ES SICH AUS


Für Chiara Lubich war die Neu-Entdeckung des Evangeliums als Quelle eines Lebensstils der gegenseitigen Annahme und Verständigung kein rein geistliches Ereignis. Sie sprach von Anfang an davon, dass das Wort Gottes auch zu einer sozialen Veränderung führen müsste. In den vergangenen Jahrzehnten lassen sich Ansätze einer neuen Sicht von Wirtschaft, Politik, Kommunikation, Kunst, Wissenschaft usw. festmachen. Zwei Beispiele:

1991 auf einer Reise nach Brasilien gab Chiara Lubich den Anstoß zum Projekt „Wirtschaft in Gemeinschaft“. Angesichts der großen sozialen Spannungen auf dem südamerikanischen Kontinent trafen Unternehmer die Entscheidung, einen Teil ihrer Gewinne in soziale Gerechtigkeit zu investieren. Die neue Wirtschaftsphilosophie wird von 700 Unternehmen weltweit praktiziert. Sie hat auch zur Entstehung von drei Industriegebieten in der Umgebung von Siedlungen der Fokolar-Bewegung geführt: in San Paolo in Brasilien, in O’Higgins in Argentinien und in Loppiano in Italien. In Deutschland laufen die ersten Überlegungen für einen Industriepark in der Nähe des ökumenischen Lebenszentrums Ottmaring bei Augsburg.

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1996 entsteht das Forum Politik und Geschwisterlichkeit, um in der Politik über Parteigrenzen hinweg eine neue Kultur des Dialogs zu fördern: zwischen Generationen, sozialen Schichten, ethischen und religiösen Werten sowie kulturellen Vorstellungen. Es ist inzwischen in vielen Ländern Europas und in anderen Kontinenten verbreitet. Geschwisterlichkeit wird als politische Kategorie präsentiert und auf ihre Praktikabilität im Alltag geprüft und auch wissenschaftlich untersucht.


WER NAHM SIE WAHR

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Chiara Lubich wurde vielfältig von öffentlicher Seite, von kirchlichen und gesellschaftlichen Einrichtungen für ihr Lebenswerk und ihr Engagement geehrt. Sie erhielt u.a. 1977 den „Templeton-Preis für den Fortschritt der Religionen“, 1988 den Preis zum Augsburger Friedensfest, 1996 den UNESCO-Preis für Friedenserziehung, 1998 den Menschenrechtspreis des Europarates, 2000 das Große Verdienstkreuz der Bundesrepublik Deutschland. Sie ist Ehrenbürgerin der Städte Rom, Florenz, Palermo, Buenos Aires u.a. Sie bekam 16 Ehrendoktorwürden angetragen, zuletzt im Januar 2008 von der Hope University (Liverpool).



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