Foto: Ulrike Comes

Die Würde der Menschheitsfamilie

Fokolar-Präsidentin Karram ruft angesichts der aktuellen politischen Situation auf zu Versöhnung und Gebet

Angesichts der Eskalation von Gewalt im Heiligen Land, in Kolumbien, Myanmar und verschiedenen afrikanischen Ländern appelliert die Präsidentin der Fokolar-Bewegung an die Gemeinschaften der Bewegung in aller Welt, Dialog und Gebet wieder in den Mittelpunkt ihres Lebens und Handelns zu stellen, als ein für alle gangbarer Weg zu wahrem Frieden.

Karram schreibt am 14. Mai 2021:

Wir können nicht umhin, zutiefst den Schmerzensschrei zu hören, der uns in diesen Tagen aus vielen Teilen der Welt erreicht, weil der Frieden wieder einmal in großer Gefahr ist.

Ich beziehe mich auf die Proteste, die in verschiedenen Städten Kolumbiens zu Gewalt geführt haben und seit vielen Tagen andauern, auf das Volk in Myanmar, das seit Monaten leidet und wo es noch immer keinen Lichtblick für Frieden und Freiheit gibt, und auf die verschiedenen Länder und Regionen Afrikas, die aus unterschiedlichen Gründen von Gewalt heimgesucht werden, die kein Ende zu nehmen scheint.

Und was soll man zu der Situation sagen, die in diesen Tagen in Jerusalem, in Haifa, im Gaza-Streifen und in so vielen anderen Städten des Heiligen Landes wieder aufgeflammt ist?

Es ist eine Situation, die ich am eigenen Leib erlebe; die Nachrichten von den Bombenanschlägen, von den Todesfällen, die jeden Tag zunehmen, entfachen in meinem Herzen unendliches Leid, auch weil dies das Land ist, in dem ich geboren wurde und aufgewachsen bin.

Euch allen, die ihr diese Situationen die Gewalt am eigenen Leib erfahrt und dabei oft euer Leben riskiert, möchte ich sagen, dass ich mehr denn je mit euch bin! Jeden Tag lebe und bete ich dafür, dass die Bombardierungen und die Gewalt zwischen den verschiedenen Gruppen aufhören, dass Menschenleben verschont werden und dass der Frieden wieder das höchste Gut für jeden Menschen, für jedes Volk und jede Regierung wird.

Dieses Land mit all seinen tiefen Wunden, aber auch großen Reichtümern, die die Frucht der Vielfalt der Völker sind, die es bewohnen, hat meiner Seele die Gewissheit eingeprägt, dass nur der Dialog, der manchmal auf heroische Weise gelebt wird, wahren Frieden schafft an jedem Ort der Welt, wo er fehlt. Heute drängt es mich zutiefst, alle einzuladen, uns alle als Brüder und Schwestern, als Kinder desselben Vaters wiederzuentdecken, ohne uns vom Hass einnehmen zu lassen oder von der Versuchung, nur die eigene Seite zu sehen.

Verpflichten wir uns gemeinsam, Versöhnung und Dialog wieder in den Mittelpunkt unseres Denkens und unseres Lebens, des Lebens unserer Gemeinschaften, unserer Völker zu stellen: einen Dialog mit allen, der niemanden ausschließt und der eine gerechte Politik verwirklicht, die Vielfalt willkommen heißt und respektiert.

Dennoch kann es so verzweifelte und extreme Situationen geben, in denen es unmöglich scheint, eine Lösung zu finden. Aber wir haben schon oft erlebt, dass die Liebe immer einen Weg in das Herz des anderen findet. In diesem Zusammenhang hat mir ein Text von Chiara Lubich immer wieder Hoffnung und Mut gegeben, den ich gerne mit euch teilen möchte:

„Wenn mehr Menschen das Leiden aus Liebe annehmen würden – das Leiden, das der Liebe bedarf –, könnte es das wirksamste Mittel sein, um der Menschheit ihre höchste Würde zu geben: sich nicht als ein Nebeneinander von Völkern zu verstehen, die sich oft gegenseitig bekämpfen, sondern als ein einziges Volk, eine Familie.“ (1) 

Halten wir diese Hoffnung in uns wach! Mit erneuerter gegenseitiger Liebe untereinander wollen wir intensiver beten für die Leidenden, für die Toten, für die, die keine Hoffnung auf ein Morgen haben. Aber vor allem wollen wir Gott bitten, dass er der Menschheit das höchste Gut gewährt: das Geschenk eines gerechten und dauerhaften Friedens.

Margaret Karram, Präsidentin der Fokolar-Bewegung

 

 

(1) Vgl. Dankesrede zum UNESCO-Preis für Friedenserziehung 1996: Fokolar-Bewegung Dokumente Nr. 2, S. 7.