Pressemitteilung zu Vorfällen der sexualisierten Gewalt seitens eines ehemaligen Mitglieds der Fokolar-Bewegung in Frankreich

22. Oktober 2020

"Angesichts dieses immensen Schmerzes“- so Maria Voce, Präsidentin der Fokolar-Bewegung – „sind wir überzeugt, dass der einzige Weg, den es jetzt zu beschreiten gilt, darin besteht, den Opfern volle Aufmerksamkeit, Gehör und Anerkennung für das erlittene Unrecht zu schenken. Aus diesem Grund möchte ich die volle und bedingungslose Zusammenarbeit der Bewegung bekräftigen, damit die Fakten geklärt werden können und den Betroffenen Gerechtigkeit widerfährt".

Die Fokolar-Bewegung hat daher beschlossen, eine außerordentliche Untersuchung einzuleiten, die einem unabhängigen Gremium anvertraut wird, dessen Zusammensetzung in Kürze bekannt gegeben wird.
Die Aufgabe dieses Gremiums wird darin bestehen, die mutmaßlichen Opfer anzuhören und weitere Zeugenaussagen zu sammeln sowie etwaige Versäumnisse, Vertuschungen oder das Schweigen der Verantwortlichen der Bewegung zu untersuchen. Am Ende der Untersuchung wird die unabhängige Stelle ihren Abschlussbericht veröffentlichen.

Damit die Untersuchungen in vollem Umfang umgesetzt werden können und volle Transparenz gewährleistet ist, hat die Präsidentin der Fokolar-Bewegung, Maria Voce, am Mittwoch, den 21. Oktober 2020, den Rücktritt von Bernard Bréchet und Claude (Christiane-Marie) Goffinet, Mitverantwortliche für die Fokolar-Bewegung in Frankreich, sowie von Henri-Louis Roche, Mitverantwortlicher für die Bewegung für Westeuropa, von ihren jeweiligen Ämtern angenommen.

Im Hinblick auf die von der Bewegung in Richtung J.M.M. unternommenen Schritte können wir wie folgt informieren:
• 1994 reichte eine betroffene Person Zivilklage wegen sexueller Belästigung durch J.M.M. in den Jahren 1981 und 1982 ein – zu diesem Zeitpunkt war die betroffene Person 15 bzw. 16 Jahre alt. Nach der Beschwerde wurde J.M.M. von seiner Verantwortung gegenüber Jugendlichen entbunden. Die Ermittlungen wurden schließlich fallengelassen, da es keine ausreichenden Beweise für den Tatbestand der Vergewaltigung gab und da die Verjährungsfrist abgelaufen war.

• Im Dezember 1996 kam es zu einem Zivilprozess gegen J.M.M., in dem er die Belästigung (jedoch nicht die versuchte Vergewaltigung) zugab, wofür er 1998 zu Schadensersatz verurteilt wurde.

• Auf Initiative der Verantwortlichen der Bewegung beschritt J.M.M. mehrere Jahre lang einen Weg psychotherapeutischer Behandlung.

• Nachdem die von dem Vergehen J.M.M.‘s betroffene Person 2015 erneut an die Verantwortlichen der Fokolar-Bewegung in Frankreich und an Bischof Pansard (damals Präsident des Nationalrats für die Bewegungen der Französischen Katholischen Bischofskonferenz) herangetreten war, leitete letzterer diesen Antrag an den Laienrat im Vatikan weiter. Außerdem wurde der Fall zu diesem Zeitpunkt von der 2014 eingerichteten Kommission der Fokolar-Bewegung für das Wohlergehen und den Schutz Minderjähriger und anderer Schutzbedürftiger (CO.BE.TU.) untersucht. Nach sorgfältiger Prüfung des Falles schlug die Kommission der Leitung der Bewegung 2016 den Rücktritt von J.M.M. aus der Sektion der Fokolare, den geweihten Mitgliedern der Fokolar-Bewegung, vor. Dieser Rücktritt wurde im selben Jahr wirksam.

• Im November 2019 erhielt die Unabhängige Kommission für sexuellen Missbrauch in der Katholischen Kirche in Frankreich (CIASE) Berichte über weitere mutmaßliche Betroffene von sexualisierter Gewalt durch J.M.M.

• In ihrer Sitzung vom 16. November 2019 hat die CO.BE.TU das Dossier zu J.M.M. wieder geöffnet, um mit den bereits identifizierten Betroffenen Kontakt aufzunehmen, ihre Zeugenaussagen zu sammeln und jedem von ihnen volle Anerkennung zu zollen.

• Auf Anfrage eines der Betroffenen fand am 18. September 2020 in Nantes ein Treffen mit einigen Betroffenen in Anwesenheit des Ko-Präsidenten der Fokolar-Bewegung, Jesús Morán, des Koordinators der CO.BE.TU., Rechtsanwalt Orazio Moscatello, und der Leitung der Fokolar-Bewegung in Frankreich statt. Bei dieser Gelegenheit drückte Jesús Morán Schmerz und Scham über die erlittenen Missbräuche aus, "ebenso wie über das Schweigen oder die jahrelange mangelnde Initiative seitens verschiedener Leitungsvertreter".

Die Mitglieder der Fokolar-Bewegung in Frankreich wurden unverzüglich über dieses Treffen informiert und aufgefordert, alle ihnen bekannten hilfreichen Informationen diesbezüglich weiterzugeben. Das geschah auch durch das Schreiben der Präsidentin und des Ko-Präsendenten der Fokolar-Bewegung vom 26. März 2019 an alle Mitglieder der Bewegung in der Welt.

Aktueller Stand in Deutschland:
In Deutschland wurde im Jahr 2008 erstmals eine Kommission für das Thema der sexualisierten Gewalt gegen minderjährige und erwachsene Schutzbefohlene im Kontext der Fokolar-Bewegung gebildet. Sie hat sich bei der Verfassung eigener Leitlinien an denen der Deutschen Bischofskonferenz orientiert und gleichzeitig begonnen, ein eigenes Schulungskonzept für die Mitarbeiter und Engagierten in der Kinder- und Jugendarbeit der Fokolar-Bewegung zu entwickeln und anzubieten. Die Teilnehmenden unterzeichnen am Ende eine Selbstverpflichtung, in der sie sich zur Einhaltung der Leitlinien und zur umgehenden Kommunikation von Verdachtsfällen verpflichten.
2010 wurden erstmals Leitlinien zur Prävention sexualisierter Gewalt an Minderjährigen in der Fokolar-Bewegung in Deutschland veröffentlicht. Die Kommission prüft eingehende Hinweise auf Missbrauchsfälle und leitet die notwendigen Schritte ein.

Hinweise und Kontaktmöglichkeiten zu diesem Thema finden sich auf der Internetseite der Fokolar-Bewegung in Deutschland, auch die Leitlinien zur Prävention stehen dort zum Download zur Verfügung.

Fokolar-Bewegung weltweit
Seit 2014 gibt es in der Fokolar-Bewegung internationale «Leitlinien für die Fürsorge und den Schutz von Minderjährigen», die seit 1. Juni 2020 in ergänzter und überarbeiteter Form vorliegen. Im März 2019 schrieben die Co-Präsidenten der internationalen Fokolar-Bewegung, Maria Voce und Jesùs Moran, einen Brief an alle Mitglieder der Bewegung. Sie rufen darin alle dazu auf, jeden Verdacht auf jegliche Art von Missbrauch im Zusammenhang mit der Fokolar-Bewegung unverzüglich den Kommissionen oder den Beauftragten mitzuteilen, sei es sexueller Missbrauch, Gewalt und Misshandlung, Mobbing oder Bullying - ob in direkter Form oder über das Internet. Informationen unter: https://www.focolare.org/download/linee-guida-focolari-tutela-minori/

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